Liedzeit

Das Halstuch

2026-10-06

In diesen Tagen hört man oft, dass die Filme immer dümmer werden, und tatsächlich gibt es von Netflix die Anweisung an Drehbuchautoren, Offensichtliches lieber doch noch ein paar mal von den Figuren aussprechen zu lassen, damit der Zuschauer nicht den Überblick verliert. Denn, so die Logik, die schauen sich die Filme heutzutage ja nur nebenbei an, und sind mit Videogames, Telefonieren oder Bügeln beschäftigt.

Andererseits sagt der Flynn-Effekt, dass die Menschen immer schlauer werden (oder zumindest bis zur Mitte der 10er Jahre wurden).

Vor diesem Hintergrund sah ich mir jetzt Das Halstuch an, der 1962 erstmals im Fernsehen lief, und als der Straßenfeger aller Straßenfeger gilt, mit 80% Sehbeteiligung.

Mich hat das einigermaßen erschüttert. Die Darsteller sind vorzüglich, allen voran Heinz Drache und Margot Troger, aber auch Horst Tappert, Albert Lieven und Dieter Borsche sind sehr gut (leider Hellmut Lange nicht so). Das Setting, die Musik, die Regie, alles wunderbar. Aber das Drehbuch?

Dass Dieter Borsche der Mörder ist, ist ja durch Osmose allgemein bekannt (und weil Wolfganz Neuss es gepetzt hat), aber was hier dem Zuschauer zugemutet wird, ist kaum zu glauben. (Und noch weniger, dass die sich das gerne gefallen ließen.)

Die Schwester von Helmut Lange wird also ermordet, einziger Verdächtiger: der Verleger von Modezeitschriften Albert Lieven. Der bestreitet, die Dame überhaupt gekannt zu haben. Und das ist, am Ende der Geschichte, schon einmal völlig unglaubwürdig. Er hat nicht den geringsten Grund, die Bekanntschaft abzustreiten. Also gar keinen. Die Frau wurde mit einem Halstuch erwürgt, so wie er sie zu tragen pflegt. Und dann findet sich die Mordwaffe im Geigenkoffer des Schülers von Heltmut Lange. Also ist so klar wie keine Kloßbrühe sein kann, dass er also der Mörder schon einmal nicht sein kann. Man würde also erwarten, dass mal ein paar Verdachtsmomente gegen Horst Tappert, oder den Gutsbesitzer oder eben Borsche gestreut werden, aber nein, es geht immmer weiter gegen Lieven. Absurd. Der wahre Mörder erpresst also den unschuldigen Verleger, nur weil der einen völlig harmlosen Brief an die Verblichene geschrieben hatte, in dem er geliehenes Geld zurückverlangte. Und er lässt sich erpressen.

In der vorletzten Folge erwähnt Drache beiläufig, dass er Borsche einen anonymen Brief geschrieben habe, in dem er ihn als Erpresser bezeichnet. Diesen Brief erwähnt der aber nicht (obwohl er vorher Drohbriefe erhalten haben will). Also ist klar, dass er der Mörder ist, der arme Neuss wurde zu Unrecht als Vaterlandsverräter verunglimpft.

Absurd also. Aber nun, in der letzten Folge, als alles klar ist, gibt die Polizei Herrn Borsche noch Gelegenheit, die arme Margot und den zu Hilfe geeilten Albert zu töten. (Schon klar, Margot begibt sich in eine einsame Hütte, um das erpresste Geld dem Doppelmörder zu übergeben, und um ihm mitzuteilen, zur Polizei gehen zu wollen. Warum sich nicht gleich von einer Brücke stürzen?)

Der arme Borsche schafft das zwar nicht, aber bestimmt nicht, weil die Polizei rechtzeitig eingetroffen wäre. Nein, wird der Produzent gesagt haben, das Halstuch muss in der letzten Szene noch einmal zum Einsatz kommen. Da stört die Polizei nur.

Kein Wunder, dass das nicht laufend im Fernsehen wiederholt wird. Aber irgendwie doch schade.


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