2026-10-05
Die Besprechung in der FAZ war wohlwollend, die in der New York Times vernichtend. Aber für mich reichte schon das Foto von Tom Cruise, um diesen Film sehen zu wollen.
Tatsächlich hätte ich ihn unvorbereitet in diesem Film nicht erkannt. Und die ganze Zeit fragte ich mich, ist das, Digger Rockwell, der wahre Tom Cruise oder doch eher Ethan Hunt? Fest steht, dass der Schauspieler Tom Cruise hier wirklich Gelegenheit hat, seine Kunst zu zeigen. Und das tut er. So, dass der Schauspieler, der Digger spielt, den Oscar verdient, aber dadurch, dass er auch noch in Wirklichkeit Tom Cruise ist, spielt er quasi außer Konkurrenz, so unwirklich ist seine Leistung.
Aber worum geht es? Am Anfang spaltet sich ein Eisbrocken von Grönland ab, der auf Europa zutreibt und dort ein paar hunderttausend Menschen das Leben kosten wird. Digger ist (so wie der berühmte Namensvetter und Vater von Cliff) Ölbohrer. So wie Vater und Großvater. Die Schaufel, mit der sie gegraben haben, hängt über dem Kamin. Aber nicht irgendeiner, sondern so mächtig, dass er natürlich auch persönlicher Berater des Präsidenten ist. Der wird von John Goodman gespielt, und ist fast ebenso wenig zu erkennen. Goodman spielt den Präsidenten so, dass man meint, dass die USA mit Trump noch gut bedient sind.
Was also gegen den Eisbrocken unternehmen? Wegbomben? Oder am besten vielleicht doch eher nichts. Digger ist zwar mehr um seine alte Katze besorgt, aber man kann nicht sagen, dass das Unglück, für das er und seinesgleichen verantwortlich sind, Klimawandel und so, ihm gänzlich egal wären. Er glaubt nur, und mit gutem Grund, dass die Menschen es genau so wollen. Als es zur Katastrophe kommt, schickt er zunächst seinen Sicherheitsbeauftragten, Riz Ahmed, in die Arena, und dem trägt er auf, die Wahrheit zu sagen, was er auch tut. Und dann redet Digger, und er hält eine glänzende Rede, in der er die ganze Verantwortung auf sich nimmt und gleichzeitig an uns alle abwälzt. Das erinnerte mich an James Stewart in Mr. Smith geht nach Washington. Anders als Stewart ist Cruise hier natürlich nicht sympatisch. Aber ebenso grandios.
Und spätestens hier, mit der Reaktion der aufgebrachten Europäer, wird klar, dass das Ganze, so nicht ernst gemeint ist. Wir erleben nicht die fiktive Realität einer nahen Zukunft, sondern eine Inszenierung. Das hat mich erst verstört, dann geärgert und dann aber habe ich das als einzig möglichen Kunstgriff, mit dem Stoff fertig zu werden, akzeptiert. Alejandro G. Iñárritu hat zugänglichere Filme gemacht, aber keine besseren.
Sandra Hüller spielt die Schwester. Halbschwester. Und noch genialer wäre der Film gewesen, wenn Tilda Swinton die Gattin des Präsidenten gespielt hätte.
Am Ende darf Melanie fragen, was die Leute mit ihrem Lied gemacht haben. Das passt ganz vorzüglich, und es gehört kein großes Abstraktionsvermögen dazu, sich zu fragen, was sie, also wir, mit dem Planeten gemacht haben.
Der Film ist an den Kassen ein Flop. Wundert mich und wundert mich nicht.
9/10, Abaton
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