2026-04-18
Seit vielen Jahren versuche ich, irgendwo auf der Welt mal Candide zu sehen. So oft wird das nicht aufgeführt, und nach Neuseeland oder so zu reisen, kam mir dann doch übertrieben vor.
Und nun traf es sich, dass das Stück in Lübeck aufgeführt wurde. Hat es sich gelohnt? Unbedingt. Aber eine kleine Einschränkung gibt es doch. Candide ist ja ein satirischer Text, und für den unvorbereiteten Zuschauer nicht so einfach zu verdauen. Die Heldin, Kunigunde, verkauft zwischendurch immer mal wieder ihren Körper, gehört sich das für eine komische Oper? Und die Musik ist zwar sehr schön und wird auch schön vorgetragen (besonders der Chor ist hervorzuheben), aber so schmissig wie West Side Story ist das nicht. Tanzszenen gibt es gar nicht und das Bühnenbild ist simpel, bzw. nicht vorhanden.
Was also tun? Einen Conférencier hinstellen, der alles erklärt (mit Texten von Loriot, heißt es). Und zusätzlich zwei Künstler, die über einen Overheadprojektor für Kurzweil sorgen. Mal Landkarten, aber auch kleine Witzchen. Und weil die Zuschauer nicht nur unvorbereitet sind, sondern auch nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne haben (zumindest unterstellt das die Regie) wird zwischendurch sogar ein Handy eingeblendet, auf dem Kunigunde über Tinder ihren nächsten Lover sich auszusuchen hat. (Der Macron ist. Gegen wen der sich durchsetzt sage ich nicht, oder na gut, u.a. Willy Brandt, Jeff Besoz und Merz).
Das ist sehr kurzweilig, lenkt aber auch von der Musik ab, und obwohl die Ausführung insgesamt stimmig war, bin ich, wenn ich jetzt darüber nachdenke, doch eher etwas ungehalten. Lieber etwas gediegene Langeweile, aber dafür Candide pur, hätte mir, glaube ich (noch) besser gefallen.
Gesungen wurde auf Englisch, die Obertitel waren nur annähernde Übersetzungen. Wie würde man das Stück in der besten aller Welten inszenieren? Mit Dialogen, etwas Tanz, tollen Bühneneffekten. Pangloss wird zwischendurch u.a. die Nase abgeschnitten. Das kann man besser zeigen als durch ein Stück vorgehaltener Pappe.
Ich bin als Leibniz- und Voltaire-Fan hin- und hergerissen. Leben wir in der besten aller möglichen Welten? Oder selbstverständlich nicht? Objection: What about war? Antwort von Pangloss:
Dafür allein hätte sich der Besuch gelohnt.
Theater Lübeck
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